Mobbingmechanismen

Ich wollte ja einen vergleichenden Artikel über Mobbing und Shitstorms schreiben. Jetzt habe ich einen seehr langen Text über Mobbing in der Schule geschrieben, aber keinen zum Shitstorm.

Ich habe reflektiert wer an Mobbing beteiligt ist, wie Mobbing abläuft und wie auch Lehrer ungewollt zu Mittätern werden können.

Ich möchte mich vorallem an die Leute richten, die Mobbing noch nie selber erfahren haben. Vielleicht ist dies so auch ein Denkanstoß für Menschen, die sich gerne gedankenlos an Shitstorms beteiligen, die ‘Shitstormkultur’ vielleicht sogar befürworten und keine Ahnung haben, wie ein kompletter Kontrollverlust über eine Situation wirken kann. Denn dieser Kontrollverlust ist bei Mobbing und Shitstorm gleich.

Ich selber habe Mobbing in der Schule erlebt und nehme das als Beispiel. In ähnlicher Form ist das aber sicher auch auf Mobbing am Arbeitsplatz übertragbar. Ich denke damit eine Mobbingsituation entsteht, muss eine Ausgangssituation bzw. eine Personengruppe vorhanden sein, die Mobbing ‘begünstigt’.

Auf der einen Seite das Opfer.
Selbstbewusste, extrovertierte Menschen werden vermutlich in der Schule weniger zum Mobbingopfer werden, weil sie keine Angriffspunkte liefern und anders reagieren, wenn man sich über sie lustig macht. Das Mobbingopfer sind eher die Leute, die eher in sich gekehrt sind und an sich zweifeln. Das heißt nicht, dass Mobbingopfer ‘selber Schuld’ sind. Aber ich kann aus eigener Erfahrung sagen: Wenn du nicht selbst davon überzeugt bist, dass du so in Ordnung bist wie du bist, und wenn du eigentlich der Meinung bist, dass die Mobber mit ihrer Meinung du seist uncool, recht haben, dann ist es schwierig sich deren Gemeinheiten entgegen zu stellen.

Auf der anderen Seite die Täter.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich oft von Menschen fertig gemacht wurde, die zwar in der Schule den Status ‘cool’ und ‘Alpha-Tierchen’ hatten, die aber andererseits von Zuhause viel Druck mitbekommen haben, dem sie eigentlich nicht entsprechen konnten. Oft Leute, die in der Schule wesentlich schlechtere Noten hatten als ich. Die ihren eigenen Leistungs- und sonstigen Druck an andere weitergegeben haben. Die sich ihrer eigenen Macht und Coolness versichern mussten. Letztendlich selber arme Gestalten, im Nachhinein betrachtet. Aber in der Situation damals, da waren es die Leute, die so waren wie ich gerne gewesen wäre und übermächtig schienen.

Dazwischen die Mitläufer.
Die Mitläufer sind einerseits passiv, letztendlich aber für eine Mobbingsituation unabdingbar.
Ich habe zwei Arten dieser Mitläufer erlebt.
Einerseits diese, die sich am Mobbing beteiligen indem sie mitlachen oder versuchen den ‘Anführern’ mit Sprüchen ihrerseits zu imponieren.
Andererseits die, die das Verhalten der Mobber zwar eigentlich schlimm finden, sich aber nicht gegen sie stellen, weil sie Angst haben. Um ihren Status oder davor selber zum Opfer zu werden, wenn sie sich mit dem Opfer solidarisieren.

Mobbing ist längerfristiger als ein Shitstorm. Während ein Shitstorm oft kurz und kräftig weht und kurz darauf schon wieder vorbei ist, weil sich die Internetgemeinde anderen Themen zuwendet, dauert Mobbing oft über Jahre, sofern es nicht schnellstens als Problem erkannt und angegangen wird.
Hierzu sind allerdings Lehrer nötig, die geschult sind und willens das Problem unter Beteiligung der ganzen Klasse zu lösen. Heute ist das vielleicht – oder hoffentlich eher gegeben als vor 10 oder 15 Jahren.
Lehrer müssen Mobbing erkennen, denn Mobbing findet nicht offen statt.
Oder zu offen. Je nachdem wie man es hinstellen möchte. Manchmal wird sogar der Lehrer unfreiwillig zum Mittäter.
Einige Beispiele:

  • Täter sitzt hinter/neben dem Opfer und flüstert ihm stunden-, tage-,
    wochenlang immer die gleichen wiederholten Gemeinheiten zu. Der Lehrer
    kriegt es nicht mit oder tut es als allgemeines Geflüster ab. Das Opfer
    versucht sein Bestes es zu ignorieren aber das Geflüster zerrt gewaltig
    an den Nerven. Irgendwann hat das Opfer genug und wendet sich laut an
    den Täter und fordert ihn auf still zu sein.
    Der Lehrer ahndet dies als Ruhestörung.
  • Das Opfer wird mit Papierkügelchen und Abfall beworfen. Irgendwann
    meldet sich ein Mitschüler/Täter und weist den Lehrer darauf hin, dass
    das Opfer seinen Platz zumülle. Der Lehrer fordert das Opfer auf seinen
    Platz zu reinigen.
  • Das Opfer sitzt auf dem Einzelplatz am Fenster. Es Winter und es zieht durch das gekippte Fenster. Das Opfer möchte sich nicht erkälten und schließt das Fenster. Die Täter bestehen darauf, dass dieses eine Fenster geöffnet bleiben müsse. Der Lehrer bittet das Opfer das Fenster wieder zu öffnen.

Das sind alles Beispiele, die ich genau so erlebt habe.
Und genau das zeigt, dass Lehrer geschult werden müssen um Mobbing zu erkennen und nicht versehentlich zum Mittäter zu werden.
Natürlich läuft viel auch in den Pausen und zwischen den Stunden, wo es der Lehrer nicht mitbekommt. Aber wichtig ist eben auch, dass ein Opfer einen Lehrer um Hilfe bitten kann. Dass es auch 10 mal um Hilfe bitten kann und nicht irgendwann zu hören bekommt es habe sich gefälligst ein dickeres Fell zuzulegen.
Wenn man schon drei, vier oder fünf Jahre Mobbing hinter sich hat, dann ist jedes Haar eines eventuellen Felles weg. Dann liegen die Nerven die ganze Zeit blank.

Heute kommt hierzu dann noch eventuelles ‘Cybermobbing’.
Das habe ich so zum Glück nicht miterlebt, weil damals die sozialen Netzwerke noch nicht so ausgeprägt waren. Aber hier ist vielleicht die eheste Überschneidung mit dem Shitstorm an sich, weil die Verlagerung des Mobbings ins Netz den absoluten
Kontrollverlust bedeutet. Fühlt sich der Gemobbte innerhalb seiner Klasse eben ‘nur’ vor 30 Leuten bloßgestellt, so zieht das im Internet natürlich größere Kreise.
Plötzlich kann man sich nicht mehr sicher sein, dass nicht auch die Freunde aus dem Sportverein, der Gemeinde oder dem Malkurs davon erfahren, was für ein ‘Opfer’ man ist.
Umso wichtiger ist es Mobbing schon im Kern und im Klassenverband zu bekämpfen.

Zuvor gebloggt auf: http://fraumaja.tumblr.com/post/32332013157/mobbingmechanismen

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Eine Antwort zu Mobbingmechanismen

  1. Pingback: Bienen triggern mich. | @FrauMaja

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