Die Intoleranz und wir.

Als ich gestern meinen Twitteraccount öffnete, da erregte sich meine Timeline grade über folgenden Artikel  und die Äußerungen, die die Autorin von Thilo Sarrazin vernahm. Zum Thema Asylbewerber in Deutschland, welche Rechte ihnen zustehen, dass es ihnen hier viel zu gut geht… das übliche, was man so von Herrn Sarrazin kennt.

Ja, auch mir kommt das kalte Grausen, wenn ich solche Dinge lese. Andererseits frage ich mich: Was genau bringt es mir, wenn ich mich jetzt über Thilo Sarrazin aufrege. Ernsthaft, ich höre dererlei Äußerungen doch oft. Im Alltag. Von Menschen, die den gleichen Bildungsstand haben wie ich. Menschen, die nicht dumm sind. Menschen meiner Generation.

Kürzlich fuhr ich nach der Berufsschule im Bus am Bahnhof in Hagen vorbei. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite: Feuerwehr, Krankenwagen jede Menge Polizei… später las ich, dass dort ein Familienvater auf seine Frau und seinen Sohn geschossen hatte.

Als ich beim nächsten Schultag mit Klassenkameraden über den Vorfall sprach, hatten diese nicht etwa Mitleid über für den anderen Sohn der Familie, der aus der Wohnung gelaufen war und Hilfe geholt hatte und vermutlich für sein Leben traumatisiert ist. Oder für die Frau, die in Lebensgahr schwebte, oder so. Nee.  „Ist doch typisch. Türkenfamilie. War doch klar.“ Und abgehakt war das Thema.

So denken Menschen meiner Generation. Menschen die nicht aus bildungsfernen Schichten kommen, Menschen, die alle Abitur haben. Soll ich es darauf schieben, dass eben diese Menschen auch zugeben, dass sie keine Bücher lesen, und für sie nur zwei Fernsehsender gibt, RTL und Pro 7? Ist das wirklich das Problem? Wirklich, ich kann es euch nicht sagen.

Das Problem sind ja letztendlich nicht nur Vorbehalte gegen „Ausländer“. Die Vorbehalte beziehen sich auf alles, was nicht der Norm entspricht.

Lauft doch mal mit einem schwerbehinderten Menschen durch die Stadt. Also einem Menschen, der seinen körperlichen „Makel“ beim besten Willen nicht verstecken kann. Weil er z.B. im Rollstuhl sitzt. Guckt euch dann mal die Blicke vieler Menschen an. Hart, sage ich euch.

Wenn man als Rollifahrer auf den ÖPNV angewiesen ist, dann kennt man alle Busfahrer, denn die müssen einem ja helfen in den Bus zu kommen. Aber egal wie gut man sie kennt, wenn die keine Lust haben, dann lassen sie den Rollstuhlfahrer halt stehen. Soll er doch den nächsten Bus nehmen.

Ich habs mal miterlebt. Ich fuhr in einem Bus, der so viel Verspätung hatte, dass der nachfolgende Bus der Linie schon hinter uns fuhr. Also wurden wir mitten auf der Strecke gebeten doch bitte in den nächsten Bus umzusteigen, damit dieser ohne weitere Stopps zur Endhaltestelle fahren konnte um dort einigermaßen pünktlich seine Linie wieder aufnehmen könnte. Im Bus befand sich auch ein Rollstuhlfahrer der also auch in den zweiten Bus umsteigen musste. Nur, dass der Busfahrer nicht vorhatte ihn einsteigen zu lassen. Bus zu voll, Hydraulik nicht stark genug und er käme doch eh nicht die Rampe herauf. Hätten eine andere Frau und ich den Fahrer nicht lautstark gefragt, ‚ob er jetzt wirklich vorhabe den jungen Mann dort stehen zu lassen‘, und wären dadurch nicht noch andere Fahrgäste aufmerksam geworden – Er wäre wohl einfach weitergefahren.

Sehr interessant auch die Reaktion einer Klassenkameradin nach der Landtagswahl NRW. Dort gibt es jetzt zwei Abgeordnete, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Meine Klassenkameradin sah das nicht als Schritt gelungener Inklusion oder Integration oder was auch immer. Nein. Sie regte sich darüber auf, dass jetzt ‚auf Kosten der Steuerzahler‘ der Landtag umgebaut und barrierefrei gemacht werden müsse. Skandal!

Noch ein Punkt zu Piraten. Weil wir uns immer als so Vorurteilsfrei sehen wollen. Auf dem Bundesparteitag in Bochum war doch dieser Mann in Netzstrumpfhosen…  ich hab so viele abfällige Kommentare über ihn gelesen, von Piraten, dass mir doch große Zweifel an unserer Toleranzfähigkeit gekommen sind. Hat ihn mal jemand nach seinen Gründen gefragt? Außer der Presse, die sich immer auf bunte Vögel stürzt? Nein? Also warum dann die Kommentare? Neidisch gewesen? Ich wette von denen, die so abfällig über ihn geschrieben haben, wusste niemand, dass besagter Mensch in seiner Heimatstadt schon zig mal Ärger mit Polizei und Justiz hatte, weil er eben nicht nur auf dem BPT so durch die Gegend läuft, sondern auch im Alltag. Und wir fordern doch vom Staat immer das Recht darauf so zu Leben, wie man möchte?

Wirklich, solche Erlebnisse machen mich traurig. Es zeigt mir: Wir selber halten uns für die Norm. Wir halten uns für den idealen Status Quo der Gesellschaft und alles was daran vorbei geht, das stört. Das KANN nur schlecht sein, von dem erwartet man auch nur schlechtes.

Und ich schimpfe hier so ausgelassen auf andere. Ich habe doch selber meine Vorurteile.

Als ich einmal abends auf einen Bus wartete, stand dort ebenfalls ein junger Mann, von der Kleidung her ‚Typ Proll‘. In meinem Kopf setzte sich das gleich zu: ‚Hiphop hörendes, auf die Straße rotzendes Subjekt‘ zusammen. Als wir beide den Bus betraten und er mir dieses Schwenkding aufhielt, ganz gentleman-like, glaubt mir, ich hab mich in Grund und Boden geschämt. Weil ich mich selber erwischt hatte, bei dem Schubladendenken, das ich so verabscheue. Und weil es sich als so falsch erwiesen hatte.

Insofern, und um zum Ausgangsthema Herr Sarrazin zurück zu kommen.

Ja, der Typ ist ein Hetzer, er ist insofern gefährlich, weil er für seine Thesen eine Öffentlichkeit findet. Aber das wahre Problem findet sich im Alltag. In den Vorurteilen, die wir alle pflegen. Und da ist es egal gegen wen es geht. Ausländer, Körperbehinderte, Randgruppen, Alte, Junge oder auch Normale… Ja. Ich haue da auch Sarrazins Rassismus und andere Vorurteile in einen Topf.

Denkt mal darüber nach, welche Vorurteile ihr wirklich habt und ob sie wirklich so stimmen. Danach reden wir weiter.

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8 Antworten zu Die Intoleranz und wir.

  1. HB schreibt:

    Gut geschrieben und in vielen Dingen gebe ich Dir Recht. Was den Herren in Netztstrümpfen auf dem BPT betrifft, sehe ich es allerdings anders.
    Wenn jemand so ein Event nutzt, NUR damit er in irgendwlecher Presse auftaucht (und das hat ja super funktioniert), mit diesem Auftreten dem Gesamtbild der Partei schadet, die sowieso schon erhebliche Probleme hat, dann hört die Toleranz bei mir auf.
    Es war ein guter Parteitag! Ich war selbst vor Ort (als Nichtpirat)…habe viel gesehen und mir eine Meinung bilden dürfen. Viele haben mich anschließend auf diesen Mann angesprochen…ob ich ihn auch gesehen hätte, ob er Pirat sei… usw. WAS hätten mich die Leute gefragt, wenn es diese Vorlage und die Zeitreise nicht gegeben hätte? Warum waren diese beiden Dinge für die Zuschauer so polarisierend?
    Die Menschen in Deutschland sind nicht (und werden auch nie) so tolerant bzw. weitschauend, vor allem nicht potentielle Wähler und an erster Stelle schmierfreudige Journalisten. Die Menschen sehen die Bilder im TV: Parteitag -Piraten-Transe-in-Strapsen. Sie hören „Abstimmung über Zeitreisen“…und peng haben die Piraten potentielle Wähler verloren. Gerade die alte Generation (die sich ja schon teilweise am Parteinamen stören…und sie deshalb nicht wählen wollen) sollte man endlich mal mit wirklich vorzeigbaren, überzeugenden Resultaten für sich gewinnen.

    Wie gesagt…Toleranz auf jeden Fall…aber nur bis zu dem Moment, wo einem selbst offensichtlich Schaden zugefügt wird.

    Frohe Weihnachten… 🙂

    • majatiegs schreibt:

      Hallo HB,

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

      Ich verstehe deine Kritik, an sich.
      Aber andererseits frage ich ich auch was die Piraten noch besonders macht, wenn wie jeglichen Nerdism (wie den Zeitreise-Antrag) und alle Paradisvögel, wie Lila den Mann mit den Netzstrumpfhosen, verbieten. Dann sind wir demnächst so drauf wie die Grünen. Gähn.
      Letztendlich zeigt es etwas von unserer Schizophrenie. Als letzten Sommer ein berliner Abgeordneter wegen nicht angemessener Kleidung im Abgeordnetenhaus gerügt wurde, da war die Empörung riesig. Tagelang regte sich die Twitteria darüber auf wie man sich erdreisten könne im Abgeordnetenhaus angemessene Kleidung zu fordern.
      Aber wenn auf dem BPT ein Mann in Netzstrumpfhosen herumläuft, dann ist die Toleranzgrenze überschritten.
      Interessanterweise nicht, bei Damen in Overkneestiefeln und ultrakurzem Rock.
      Oder bei Herrn Lauer in Ballonseide. (Was ich persönlich sehr zum Fremdschämen fand).
      Vielleicht bin ich in Punkto Lila auch ‚abgehärtet‘ weil er regelmäßiger Teilnehmer am hagener Stammtisch ist und die Netzstrumpfhosen nicht das bis dato freizügigste Outfit waren.
      Ja, wenn er auf dem BPT dann über das Recht auf Öffentliche Nacktheit spricht, das mag skuril wirken und nach Aufmerksamkeitssuche. Ist es auch, letztendlich.
      Aber die meisten Piraten wissen nichts davon, dass Lila in Schwerte mehrmals wurde, vom Ordnungsamt und der Polizei. Wie viele Piraten wissen, dass die Begründung dafür ‚Erregung öffentlichen Ärgernisses‘ war, was normalerweise nur für öffentliche sexuelle Handlungen angewandt wird, was hier nicht vorliegt.
      Dass ihm Pädophilie vorgeworfen wurde und er sich deshalb von Kindern fernhalten muss, weil sonst die nächste Strafanzeige droht? Dass er sich einem gerichtlich angeordneten psychischen Gutachten unterziehen musste?
      Alles nur, weil er gern leicht bekleidet durch die Gegend läuft?
      Genau deswegen ist Lila zum BPT gekommen (Er ist übrigens Mitglied bei den Piraten) weil er sich Verständnis für seine Nöte erhofft hat. Weil wir als Tolerant gelten und fordern, dass jeder so leben können sollte und aussehen können sollte wie er mag. Aber dieses Verständnis hat er nicht bekommen, weil Menschen Angst um die Außenwirkung hatten.
      Das soll kein persönlicher Angriff auf dich sein, und es wäre vielleicht noch einen weiteren Blogeintrag wert… vielleicht schreibe ich den irgendwann mal. 🙂

      LG
      Maja

      • HB schreibt:

        Mich interessiert in diesem Moment nicht die Geschichte dieses Herren, sondern das Bild, welches er nach außen trägt. Und dies war zu diesem Zeitpunkt absolut nicht förderlich.
        Zeitreisen werden von den Außenstehenden nicht als Ironie, Spaß oder lustiges Nebenprodukt eines BPT angesehen…nein, es wird NUR dieses gesehen. Und wenn das so ist, schadet es der Partei. Gerade zu einem (für die Partei wichtigen) Zeitpunkt, wo sich viele Menschen eigentlich eine Meinung über diese Partei bilden wollten/sollten.
        Es gibt jede Menge Menschen, die kein Internet haben und sich ihre Meinung (leider) nur aus den Medien bilden können. Und wenn dann sowas bei rumkommt, oder nur dieses hängenbleibt, dann isses verhängnisvoll.

        Jeder Geschäftsmann versucht seine Firma so gut wie möglich zu präsentieren und sich selbst bestens zu verkaufen. Dies sollten die Piraten auch tun. Man kann dabei trotzdem offen, loyal und auf gewisse Art tolerant sein. Man muss nur nicht „alles“ mitnehmen… nur weil man gern anders ist… 😉

        Es sind genau diese Dinge, die mich momentan davon abhalten Piratin zu werden. Ich habe keine Lust, mich ständig für irgendwelche Aktionen oder Auftritte oder Streitereien rechtfertigen zu müssen.
        Und es sind genau diese Gründe, die viele dazu brachten, ihre Parteimitgliedschaft wieder aufzugeben.

        LG Jana

  2. kamikazekokser schreibt:

    laber laber rabarber

  3. Reblogged this on dontthinkmainstream und kommentierte:
    Der neue Abschaum der Gesellschaft ist doch der Raucher. Und wenn man dann noch schwarze (ganz normale) Klamotten trägt, wird man erst recht angeglotzt, als käme man vom Mars oder hätte ein Kotelett an der Backe kleben. Und da achtet man schon darauf, dass man nicht unmittelbar neben Kindern steht, während man vergebens versucht seinen Glimmstängel zu genießen… Demnächst darf man wegen „Rauchmelderpflicht“ nicht einmal mehr in seiner „eigenen“ Bude rauchen. Man versucht ja schon fleißig, das Rauchen „weniger genießbar“ zu machen, in dem man per Gesetz das Menthol in der Kippe verbietet (Herr Schmidt, Sie haben mein Mitgefühl) und unansehnliche Bildchen auf der Verpackung anordnet. Aber mal ganz ehrlich: wenn ich rauchen will, dann mache ich das. Ich nehme keine Drogen, trinke so gut wie nie alkoholhaltige Getränke und habe ein geordnetes Leben – da soll man mir doch diese eine „Sünde“ lassen…

    • HB schreibt:

      Versuch es doch mal mit Se*…is förderlicher für die Durchblutung… 😉
      Als ehemailge „fast Ketten“raucherin und inzwischen Nichtraucherin allerschlimmster Art (bekehrt durch Lungenkrebs im Kollegenkreis, COPD in der eigenen Familie)…erfreuen mich solche Zeilen immer (Achtung Ironie).
      Passt aber grad net hier zum Thema. 🙂

      • Ich habe eine ganz wunderbar funktionierende Beziehung… Und dass es dann irgendwie doch nicht zum Thema passte, fiel mir dann auch auf, aber das waren meine spontanen Gedanken zum Thema Intoleranz. Musste ich dann also doch noch loswerden. Schlimm?
        Ich könnte auch davon erzählen, dass ich ihn meiner Wohngegend schon allein wegen „besserer“ Kleidung (z. B. für ein Bewerbungsgespräch) doof angeglotzt werde… Ich meine gut, Rollstuhlfahren geht es jeden Tag so, und ich rede mich hier um Kopf und Kragen, aber eigentlich bin ich der Meinung, dass Intoleranz im Alltag ein wichtiges Thema ist. Rauchen gehört bei mir nun mal dazu… Zu Intoleranz zählt ja zum Beispiel auch, wenn man im Regen am Straßenrand steht und darauf wartet, auf die andere Seite gehen zu können. Da hält nicht ein einziger Autofahrer mal aus reiner Nettigkeit an, nein. Hauptsache die bequeme Karre unterm Hintern…

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