Lieber Sexist. Nachtrag.

Letzte Woche Freitag veröffentlichte ich meinen Blogpost „Lieber Sexist. Ein Brief.“

Eher zufällig fiel dieser mit dem Trenden des Hashtags #aufschrei auf Twitter zusammen. Aber vielleicht hat er deswegen so viele positive Reaktionen bekommen. Davon war ich ganz überwältigt.

Davon, wieviele Menschen mir Mut zugesprochen haben. Wieviele Ratschläge ich für weiteres Vorgehen bekam.

Deshalb noch ein paar Gedanken im Nachhinein.

Ich habe die Person, um die es ging, nicht öffentlich geoutet. Ich habe den Link zum Blogpost auch nicht auf unserer Mailingliste verlinkt. Ich finde eine solche Prangerkultur relativ unnötig. Als ich den Text Freitagmorgen geschrieben habe, war ich fürchterlich wütend. Das bin ich sogar immernoch. Aber wenn mir entsprechende Person nochmal über den Weg läuft, werde ich ihm persönlich noch ein paar Sätze dazu sagen und werde das nicht anderen überlassen. Ich möchte mich nicht selbst zum Opfer machen, in diese Rolle begebe ich mich nicht. Der Text ist für mich ein Ausdruck dessen, was ich in der Situation gefühlt habe. Ich war wirklich schockiert, dass es Menschen gibt, die sowas bringen. Ich bin sowas nicht gewöhnt. Bisher bin ich mit Männern immer sehr gut klargekommen. Ich weiß was ich möchte, ich bin manchmal vielleicht sogar eher dominant in meinem Auftreten. Die meisten Männer kommen damit gut klar und begegnen mir auf Augenhöhe. Ich flirte auch gerne. Aber unter den ganzen Männern mit denen ich täglich zu tun habe, hat mein Verhalten bisher niemanden auf die Idee gebracht, er müsse mich auf meine Weiblichkeit reduzieren und diese als Anlass nehmen mich so zu behandeln, die es dort der Fall war. Das war eine neue Erfahrung, die ich schmerzhaft machen musste. Ich habe deswegen jedoch nicht mein Selbstbewusstsein verloren oder nun Angst vor Männern. Ich mag Männer. Weiterhin.

Einige Reaktionen haben mir allerdings auch zu denken gegeben.

In einem Kommentar unter meinem Blogpost schreibt jemand, dass Sexismus eine Folge sexueller Verklemmtheit ist. Dieser Argumentation kann ich nicht ganz folgen. Ich habe Jahre in einem christlichen Umfeld verbracht, in der sehr strenge Prinzipien in Punkto Sexuelität herrschen. Sex vor der Ehe war zwar nicht verboten, war aber auch definitiv nicht wünschenswert. Wechselne Geschlechtspartner? Um himmelswillen! Viele Menschen würden dies als Verklemmtheit bezeichnen. Ich habe dort nicht sehr oft erlebt, dass ich als Frau herabgewürdigt worden wäre. Dies passiert mir eher in dem Teil der Gesellschaft in der alles erlaubt, in der alles Okay ist. Das christliche Umfeld war eher entsexualisiert. Ob das gut ist, daran mag man zweifeln. Ich finde da rückblickend vieles sehr seltsam und verdreht. Aber ich wurde dort nicht beleidigt, weil ich eine Frau bin. (Ich bin mir übrigens darüber im klaren, dass andere in ähnlichen Umfeld schlimme Dinge erlebt haben)

Hinzu kommt: Steht es mir zu jemanden als verklemmt abzustempeln? Wenn mir jemand vorwerfen würde, ich wäre zu verklemmt und solle solche Kommentare wie von besagtem Herrn nicht auf die Goldwaage legen, dann wäre der Aufschrei groß. Aber umgekehrt steht es mir dann auch nicht zu, meinerseits jemanden so plump abzustempeln. Nein. Ich sehe Sexismus in unserer heutigen Gesellschaft wirklich nicht mehr als Ausdruck mangelnder Offenheit, sondern als inakzeptabele unendschuldbare Charakterschwäche.

Andere Personen bestanden darauf, dass der Spruch ‚von Tuten und Blasen‘ nichts mit Sexismus zu tun habe. Das stimmt natürlich. Ja, der Spruch hat etwas mit Nachtwächtern zu tun, wie es sie früher gab. Um so SCHLIMMER ist es, wenn jemand sich erblödet diesen Spruch dann auf mich als Frau und irgendwelche sexuellen Handlungen zu beziehen. Ja natürlich kann man sicherlich mal einen zweideutigen Spruch bringen. Ja natürlich darf man auch mal darüber lachen. Aber eben nur, wenn es der Situation angemessen ist. In diesem Fall war es das nicht. In dem Gespräch ging es nicht um lockeres Scherzen. Der Spruch traf mich völlig unvorbereitet. Deshalb war es nicht angemessen und nicht in Ordnung. Ich muss da nicht lockerer werden.

Oft wurde ich gefragt, was die anderen anwesenden Männer gesagt hätten. Wie sie reagiert hätten. Nun. Nachdem ich später ja wegen eines völlig anderen Themas ausgetickt bin, riet mir einer ich solle doch mal friedlich sein. Ich glaube nicht, dass er verstanden hatte, worum es mir ging. Ansonsten herrschte betretenes Schweigen. Ist das anzuprangern? Ja, mag sein. Andererseits: Ich muss mit den Leuten ja auch noch zusammenarbeiten und sie jetzt allgemein als Feinde zu sehen, wäre mir auch kontraproduktiv. Der Stammtisch wurde jedenfalls nach meinem Ausraster ziemlich direkt aufgelöst und alle gingen heim. Ich kann nur hoffen, dass sich der eine oder andere im Nachhinein noch Gedanken gemacht hat. Das wäre zumindest schön.
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3 Antworten zu Lieber Sexist. Nachtrag.

  1. erzaehlmirnix schreibt:

    Mir kam noch der Gedanke, dass es für Männergruppen oft normal ist, sich gegenseitig sexuelle Anspielungen zuzuwerfen. Wenn mein Mann mir teilweise erzählt worüber sie sich den Tag über unterhalten haben („Und dann haben wir uns den ganzen Tag darüber lustig gemacht, dass er ihn nicht in die Dose gekriegt hat. Höhö.“ – Er ist Techniker^^). Teilweise ist es da vielleicht auf ungeschickte Art nett gemeint, wenn frau miteinbezogen wird, wobei der Witz dann vermutlich wäre „Und dann haben wir gesagt, dass sie wohl nicht so geübt ist, Dinge in Dosen zu stecken.“
    Ich denke, in Männergruppen sind solche Scherze eben eine Art, Verbundenheit auszudrücken, so wie sie das in Frauengruppen ja auch sein können. Das soll das Verhalten nicht rechtfertigen, ich denke nur, dass es in manchen Fällen nicht als herabwürdigung oder Ausgrenzung sondern eher als Miteinbeziehen gemeint ist.

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