Postgenderträume

Ich träume von einer Welt, in der es keine Frauenquote gibt, weil keine Unterschiede mehr zwischen den Geschlechtern gemacht werden.

Ich träume von einer Welt, in der ich ganz Frau sein kann und in der ich nicht nach meinem Geschlecht beurteilt werde, weil klarist, dass dies nichts mit meiner Leistung im Beruf oder in der Piratenpartei zu tun hat. In dieser Welt würde auch ein Mann nicht nach seinem Geschlecht beurteilt und jemand, der sich weder als Frau, noch als Mann sieht, würde nicht als falsch oder anders oder besonders angesehen. Ebensowenig wie jemand, der sich als ein bisschen von beiden sieht, oder jemand dessen körperliche Geschlechtsmerkmale nicht mit dem gefühlten Geschlecht übereinstimmt.

Ich träume von einer Welt, die über Geschlechterrollen hinaus ist.

Eine Situation, die sich vor einigen Jahren so zugetragen hat:

Ein Umzug. Ich schleppe mit einigen Jungs die schweren Sofas die Treppen hoch. Die weiblichen Umzugshelfer stehen rum oder tragen allenfalls mal leichtere Dinge. Wir ärgern uns etwas darüber, weil die Arbeit anstrengend ist und wir Hilfe gut gebrauchen könnten. Als das meißte geschafft ist, sagt ein Freund zu mir: „Maja, du bist die einzige Frau, die wirklich mitgeholfen hat, ich ernenne dich hiermit zum Mann ehrenhalber.“

Damals haben wir selbstverständlich nicht über Geschlechterrollen, Gender und Postgender nachgedacht. Aber diese Episode zeigt die heutige Situation von Rollenbildern sehr gut. Ebenso die Probleme, die damit zusammenhängen. Deshalb habe ich mich erdreistet, das als Beispiel herzunehmen.

Festgelegte Geschlechtereigenschaften.

Ein Mann ist der Starke. Er packt zu. Er löst die Probleme ohne viel Gerede. Deshalb gibt er auch den Ton an. Auf den Mann wird gehört. Der Mann kann es sich deshalb auch nicht leisten Schwäche zu zeigen, denn dann ist er ja kein Mann. Der Mann.

Die Frau nimmt sich zurück. Sie möchte dem Mann gefallen. Sie ist es, die die Dinge im Hintergrund macht. Die Frau redet erst über Dinge und tut sie erst dann. Sie muss erst abwägen. Anstrengende Dinge überlässt sie dem Mann. Die Frau.

Wer sich nicht der Rolle seines Geschlechtes entsprechend verhält, ist nicht richtig

Was, die FrauMaja benimmt sich garnicht wie eine Frau? Dann ist sie am Ende garkeine richtige Frau! Wäre sie es, dann würde sie ja auch herumstehen. Also ist sie ein Mann. MannMaja quasi. Weil sie besser in die Geschlechterrolle eines Mannes passt, mit ihrem Verhalten.

Einfach nicht typisch Frau, diese Maja. Nicht richtig Frau.

Andersherum: Hätte ien Mann rumgestanden, dann wäre er ‚voll das Mädchen‘ gewesen.

Geschlecht = Leistung?

Bist du ein Mann, musst du viel leisten. Dieser Druck lastet auf dir. Dein Penis und dein Bartwuchs sagen deiner Umgebung, dass du stark bist und stark sein musst.

Bist du eine Frau, dann erwartet keiner von dir, dass du stark bist, Dafür musst du z.B. Kreativ sein und dich mit Deko auskennen. Ja gut, wenn du mal nicht mit anpackst, dann ist das zwar ärgerlich, aber du bist halt eine Frau.

Geschlecht = Selbstbild

Ich glaube, dass sich viele Frauen weniger zutrauen, weil sie eben Frauen sind. Weil sie immer zu hören bekommen, dass sie körperlich weniger leisten können als Männer. Deshalb versuchen es viele Frauen auch garnicht. Frau will ja auch nicht abwertend als ‚Mannsweib‘ betitelt werden.

Ein Mann hingegen möchte nicht als ‚Mädchen‘ oder ‚Pussy‘ gelten.

Tolle Leistungen werden also von dem festgelegten Bild verhindert.

Weil man etwas als Frau ’nicht macht‘ oder ein Mann ‚das nunmal nicht tut‘.

Das ist schade!

 

Und nun das ganze mal abgekoppelt vom Genderfoo!

Eigentlich war ich bei dem Umzug damals doch nur ein Mensch, der motiviert was. Der keine Angst hatte, schwere Dinge zu schleppen.

Sagt das irgendetwas über mein Geschlecht aus? Nein!

Überhaupt sagen nur sehr wenige Dinge etwas über mein Geschlecht aus und die sind körperlich und zu intim sie hier zu nennen.

Sagt mein Charakter etwas über mein Geschlecht aus? Kann man an meinem Charakter sehen, ob ich männlich oder weiblich oder sonst etwas bin?

Nö. Kann man nicht. Ich besitze dazu viel zu viele Charaktereigenschaften, die man nach dem Klischee Männern zuordnen würde.

Sagen meine Überzeugungen und Leistungen etwas über mein Geschlecht aus?

Erst recht nicht! Ich hoffe ich bringe immer gute Leistungen. Ich setze mich für Dinge ein, wenn sie mir wichtig sind. Aber das hat nichts damit zu tun, ob ich Brüste besitze oder einen Penis und darüber zu welchem Geschlecht ich mich zugehörig fühle.

Warum sprechen mir also Menschen wegen meiner körperlichen Gegebenheiten manche Fähigkeiten ab? z.B. die Fähigkeit logisch zu denken oder soetwas. Während mir andere Fähigkeiten andichten, die ich garnicht besitze. Nehmen wir Kreativität. Ich bin oftmals so unkreativ, das glaubt ihr garnicht.

Ich habe viele Stärken und Schwächen und sie werden so oft gleich in Kategorien eingeordnet.

Maja trägt gern Nagelack: weiblich

Maja packt gern mit an: männlich

Maja mag stundenlange Diskussionen und Gespräche: weiblich (oder typisch Pirat 😉

Maja kann eine Bohrmaschine benutzen: männlich

Maja trägt gern Kleider: weiblich

Maja gibt gern den Ton an: männlich

Maja ist auch mal unsicher: weiblich

Maja hat schon mal an Computern herumgeschraubt: männlich

Maja kann empatisch sein: weiblich

Maja mag Politik: männlich

Maja ist Vegetarier: weiblich

etc etc

Letztendlich machen mich all diese Stärken, Schwächen, Charaktereigenschaften und Fähigkeiten doch nur zu einem: Zu mir selbst. Sie machen meine, mir eigenste Persönlichkeit aus. Sie machen mich zu dem, wer ich bin.

NICHTS davon hat irgendetwas mit meinem körperlichen Geschlecht zu tun.

Deshalb fände ich es schön, wenn wir irgendwann an einen Punkt kommen, an dem Fähigkeiten, Styling, Stärken, Schwächen, Charakter… eben alles was einen Menschen ausmacht, nicht mehr nach den Kategorien ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ sortiert würden.

Dann wären wir vorallem Menschen. Menschen verschiedenster Art und weise und wir wären okay, wie wir wären. Männlich, weiblich, ein bisschen von beidem, nichts von beidem, heterosexuell, transsexuell, multisexuell… nichts davon wäre “normal” oder “unnormal”, weil es nicht das wäre, was zählt.

Ich weiß, dass wir dort noch lange nicht angekommen sind. Dass die Realität anders aussieht.

Auch ich selber denke oft, viel zu oft, noch in Rollen. Deshalb nenne ich es auch Postgenderträume. Aber ich bin geneigt für diese Träume zu arbeiten, an mir selbst zu arbeiten.

Deshalb kritisiere ich Feminismus, der das binäre System untermauert. Der Männer und Frauen in Konkurrenz und Wettbewerb zueinander stellt. Der Quoten fordert und so noch tiefere Gräben zieht. Nicht jeder Feminismus ist so, das weiß ich. Und ich vertrete viele gleiche Positionen, weil ich nunmal nicht wegen meines körperlichen Geschlechtes diskriminiert werden möchte.

Aber ich möchte Männer als Menschen und nicht als Feinde sehen. Und diskriminierende Menschen, egal welchen Geschlechtes, sind Arschlöcher, nicht mehr.

Bezogen auf die Piratenpartei ist dies auch ein Grund, warum ich mich beharrlich weigere mich Piratin zu nennen. Ich möchte nicht der Sonderfall sein, eine von wenigen aktiven Frauen. Die Minderheit, die man fördern muss. Ich fühle mich auch nicht so.

Ich möchte lieber als aktives Mitglied der Piratenpartei gesehen werden, das viel Freizeit in die Parteiarbeit steckt und hoffentlich ein wenig gute Arbeit leistet. Über Anerkennung für gute Arbeit freue ich mich immer. Anerkennung für mein Geschlecht, das irgendwann damals, Anfang 1985 festgelegt wurde als eine Eizelle und eine Samenzelle… ihr kennt die Geschichte… jedenfalls fafür kann ich nichts und dafür brauche ich keine Anerkennung und Förderung.

Wenn du jetzt nach der Lektüre dieses Textes anmerken möchtest: “Aber ich bin doch gerne eine Frau!” oder “Ich bin doch gerne ein Mann!” …Ja! Genau das ist der Punk! Das darfst du sein! Das darfst du sein! Ich bin doch auch gerne eine Frau. Und ich möchte mich nicht dafür rechtfertigen. Niemandem gegenüber. Ich träume von einer Zeit, in der man sich nicht für sein Geschlecht oder Nicht-Geschlecht rechtfertigen muss.

Postgenderträume eben.

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3 Antworten zu Postgenderträume

  1. femiversum schreibt:

    Sehr schöner Artikel! Ja, es wäre toll, wenn deine Postgenderträume schon Realität wären! Ich träume auch von einer Welt, in der es keine Frauenquote gibt, weil keine Unterschiede mehr zwischen den Geschlechtern gemacht werden, aber ich denke, dass wir sie (leider!) gerade noch brauchen, um überhaupt erstmal gleichberechtigte Verhältnisse herstellen zu können. Ich glaube, dass sie daher übergangsweise ein Instrument sein kann, um den Weg in eine Postgenderwelt zu ebnen.

  2. Heinz schreibt:

    „Aber diese Episode zeigt die heutige Situation von Rollenbildern sehr gut.“

    Ich fürchte, du machst da aus einer Mücke einen Elefanten und verfällst dann in Rollenbilderdenken.
    Ich halte soetwas für kontraproduktiv, dadurch redet man die Rollenbilder erst herbei aka „Selbsterfüllende Prophezeiung“.

  3. Harald schreibt:

    Weitestgehend Konsens.

    Bei „Maja mag stundenlange Diskussionen und Gespräche: weiblich (oder typisch Pirat“ mußte ich grinsen, und bei „Maja ist Vegetarier: weiblich“ fiel mir nur ein, daß ich real ausschließlich männliche Vegetarier kenne.

    Heinz (oben) kann ich nicht wirklich nachvollziehen.

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