Lieber Staat. Ein Rant.

Lieber Staat,

du bist ja so fair. Und so sozial.

Ich muss dir mal was erzählen.

Ich stamme aus einem bildungsfernen Haushalt. So nennt man das nämlich, wenn beide Eltern kein Abitur haben. Kein Abitur haben ist nämlich heutzutage eine Schande.

Das lustige ist: Früher war das keine Schande sondern die Regel. Arbeiterkinder gingen auf die Hauptschule, Punkt. Und deshalb sind jetzt alle Haushalte, wo die Eltern kein Abitur haben bildungsfern. Juchu. So passiert das also mit dem gesellschaftlichen Abstieg.

Meine Eltern hatten nie viel Geld. Aber sie haben 4 Kinder großgezogen. Eine Lebensleistung? Unsinn. Weil meine Mutter jahrelang Kinder großgezogen hat anstatt zu arbeiten, wird sie später kaum Rente bekommen. Faktisch und für das Finanzamt hat sie nämlich nicht gearbeitet. Windeln wechseln und Teenie-Problemchen anhören und einen Haushalt schmeißen wird nämlich nicht als Arbeit betrachtet. Dass ich nicht lache!

Und da soll man motiviert werden Kinder zu kriegen? Womit denn, durch Elterngeld? Herdprämie? Macht sich im Alter irgendwie trotzdem nicht gut auf dem Rentenbescheid.

Und die Leute die Kinder kriegen, also mehr als eins oder zwei, die sind ja quasi gesellschaftlich geächtet. „Ab dem dritten ist man asozial!“ heißt es ja so schön.

Und weißt du lieber Staat was noch toller ist: Mein Papa, der arbeitet Vollzeit.

Nun ist ihm letztes Jahr folgendes passiert: Er ist ausgerutscht auf dem Laminat im Wohnungsflur. Er ist mit dem Gesicht auf die Ecke einer Kommode geknallt und hat sich dabei das Gesicht zertrümmert und viele Zähne mussten ihm gezogen werden weil einfach viel dabei kaputt gegangen ist.

Folglich braucht er Zahnersatz.

Leider ist der Zahnersatz teuer. Und die Krankenkasse zahlt nur einen Bruchteil.

Und mein Papa, als Vollzeit-arbeitender Mensch verdient in seinem Job so wenig, dass er sich das leider nicht leisten kann. (Und WEHE irgendwer kommt mir jetzt mit: ‚Hätte er mal Abitur gemacht, dann würde er jetzt mehr verdienen.‘)

Deshalb muss er jetzt seinen Motoroller verkaufen. Der sein Hobby und kleine Freiheit ist. Ich hab ihm die eBay Auktion geschrieben. Und es tut mir verdammt weh. Weil das so unglaublich ungerecht ist.

So, lieber Staat und nun du.

(Ja bitte sehen Sie dies als Werbung für ein BGE)

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3 Antworten zu Lieber Staat. Ein Rant.

  1. M.B. schreibt:

    Gut geschrieben, meine Anerkennung.

    Regt vom Inhalt her zum Nachdenken an. Wenn ich sowas lese, werde ich traurig. Ich vergesse meine typischen First-World-Problems und denke nach. Nachdem ich also eine Weile nachgedacht habe, stelle ich (wiedermal) fest, dass in unserem Land lange nicht alles perfekt ist. Altersarmut, Eurokrise, Zuwanderungsprobleme, Staatsverschuldung, Niedrigverdiener & Langzeitarbeitslose fallen mir da zuerst ein. Dem Großteil der anderen europäischen Länder geht es allerdings bedeutend schlechter als uns, global betrachtet sieht es ähnlich aus. Hoffentlich gibt es bald auch internationale Statistiken zum Thema Jammern, Nörgeln und Selbsthass, dann wäre Deutschland ungeschlagener Spitzenreiter.
    Sicherlich braucht dieses Land Veränderungen, aber man muss eben auch kreative Lösungsansätze bringen. Und gerade da sieht es bei den Piraten dürftig aus. Als Paradebeispiel anzuführen ist hier die Forderung nach dem völlig realitätsfernen „Bedingungslosen Grundeinkommen“ oder wie der Quatsch heißt. Ich bin ein 14-jähriger Schüler und bin durch Zufall über Twitter auf deiner Seite gelandet. Und wenn selbst ich merke, wie endlos dämlich einige Programmpunkte der Piraten sind, dann solltet ihr euch echt Gedanken machen (Zumal ich ja eigl. in eurer Zielgruppe liegen müsste, wegen dem Internetkram und so). Ich kann es durchaus nachvollziehen, warum du diesen Text geschrieben hast und verstehe deine Beweggründe absolut, aber immer nur den Staat kritisieren führt zu nichts. Besonders wenn man keine eigenen, umsetzbaren Verbesserungsvorschläge hat, die auch wirklich etwas bringen und damit meine ich weder Verschlimmbesserungen noch in einem Paralelluniversium enstandene „Ideen“.

  2. borgdrone schreibt:

    sehr schön
    danke

  3. Chaoskatze schreibt:

    Es IST zum Kotzen. Und dann noch bei lieben Menschen konkret zu sehen, wie sie ihre klitzekleine Freiheit in all der Unfreiheit aufgeben, nein: verkaufen müssen, zu Kohle machen, um sie zu „verfrühstücken“, sprich: für Notwendigkeiten auszugeben, macht hilflos. Traurig. Wütend. Noch wütender, als wenn mensch selbst aufgeben müsste. Auch wenn das noch so übel immer ist.

    Ach, ich weiß auch nicht. Weltrevolution, anyone?

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