Ich war ein Jesus Freak

Dieser Blogeintrag ist ziemlich persönlich, glaube ich. Vielleicht auch schwer nachzuvollziehen. Aber ich wollte es zumindest in Grundzügen mal aufschreiben.

Ich war insgesamt 7 Jahre Mitglied in zwei Jesus Freaks Gemeinden und außerdem viel in verschiedenen freikirchlichen Gemeinden zu Gast. Ich war in einer christlichen Filterbubble.

Heute bin ich nicht mehr darin. Ich habe quasi keinen Kontakt mehr zu meinen christlichen Freunden, wohl auch, weil sie mit meiner jetzigen Denkweise nicht umgehen können. Aber klar beschäftigt mich das, was in diesen Jahren war. Viele Dinge waren schön. Aber viele Dinge waren sehr widersprüchlich und in Rückblick beschämend.

Die christliche Filterbubble hat dazu geführt, dass ich lange quasi nur noch christliche Freunde hatte. Nur noch mit Christen meine Freizeit verbracht habe und nur noch mit christlichen Themen befasst habe. Das ist ja an sich auch nicht tragisch, jeder hat seine Filterbubble. Allerdings kommen mir viele Dinge im Rückblick sehr krass vor.

Wenn du dich nur mit Christen umgibst, dann fehlt dir irgendwann auch das Verständnis für andere Menschen. Ich selber habe mir irgendwann nicht mehr vorstellen können, dass man auch ohne den Glauben an Jesus bzw. einen liebenden Gott ein guter Mensch sein kann. Es ist wirklich bedrückend, aber ich habe mich echt gefragt: „Wenn der Sinn des Lebens ein Leben für Jesus ist, warum sind dann Menschen gut zueinander, die nicht an diesen Sinn glauben. Warum zieht man liebevoll sein Kind auf, wenn es keinen Sinn gibt, wenn nach dem Tod nichts gibt.“ Ja, dafür schäme ich mich, weil ich damit ganz schön vielen Menschen ganz schön großes Unrecht getan hab.

Aber so hab ich ja auch nicht die ganze Zeit gedacht. Ich war schon immer jemand, der sich einmischen wollte, der mitreden wollte, der Autorität von Menschen in Frage gestellt hat. Und ich habe es nicht verstanden, warum man sich als Christ nicht in Politik einmischen sollte, obwohl mir gepredigt wurde: „Als Christ bist du nicht von dieser Welt. Du lebst zwar in ihr, aber es betrifft dich nicht, was in der Welt passiert. Es hat mit dir nichts zu tun!“ Das hat natürlich zu Konflikten geführt.

Und ich habe mich auch nicht in die Schublade der guten treusorgenden Frau stecken lassen, die schweigt und dem Manne untertan ist. Ja, eine Beziehung besteht aus Kompromissen, aber sich demütig von einem Mann führen lassen? Puh. Nicht so meins. Deshalb galt ich in meiner Gemeinde auch immer als die Kampfemanze, auch wenn dort dieses untertänige Bild der Frau nicht so offen gepredigt wurde. Im Gegenteil: Da durften auch mal Frauen predigen. Aber ich habe auch Männer aus anderen Gemeinderichtungen getroffen, für die predigende Frauen ein No-Go waren.

Versteht mich nicht falsch, ich hatte auch viele schöne Zeiten. Ich habe die Gottesdienste und die Musik geliebt. Vor allem wenn sie laut war. Die Gemeinderäume der ersten Jesus Freaks Gemeinde in der ich war, waren dunkel gestrichen, mit Graffiti und hatten keine Fenster. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Band mit lautem Schlagzeug die dort bei den Gottesdiensten gespielt hat, daran schuld ist, dass ich heute so schlecht höre. Zu laut auf zu engem Raum. Aber ich habe es geliebt.

Aber das sind Äußerlichkeiten. Aber du gerätst in einem solchen Umfeld eben auch unter dem Druck immer christlicher zu sein. Wer betet am meisten, wer kennt sich am besten in der Bibel aus, wer hat die meisten Gottesdienste in einer Woche besucht? Ich glaub ich bin mal auf vier Gottesdienste in einer Woche gekommen. Wie gesagt. Man beschäftigt sich nicht viel mit anderen Dingen.

Heute kommt mir vieles davon fremd vor. Ich erinnere mich auch nicht gern an den Gruppendruck. Der Rechtfertigungsdrang darüber wie du dein Leben führst. Die ewige Tendenz, dass das Leben anderer Menschen diskutiert wird, darauf untersucht wird, die ‚christlich‘ jemand ist. Letztendlich bist du dir darüber im Klaren, dass dein Leben von anderen auch beobachtet wird. Also versuchst du ein so guter Christ wie möglich zu sein. Dabei ist es doch absolut dreist, dass sich Menschen in dein Leben einmischen wollen.

Nun bin ich ja jetzt politisch aktiv und Mitglied der Piratenpartei. Einige Aspekte des piratigen Weltbildes sind schon im Konflikt mit einem konservativen christlichen Weltbild. Das hat leider dazu geführt, dass ich den Kontakt zu den meisten meiner christlichen Freunde verloren hab. Das ist ziemlich schade, aber andererseits: Ich möchte mich nicht für mein Leben rechtfertigen. Nie mehr.

Ich mag die neu erworbene Freiheit meiner Gedanken.

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Eine Antwort zu Ich war ein Jesus Freak

  1. marco2080 schreibt:

    Hallo Maja!
    Das ist ein sehr ergreifender Bericht. Ich hoffe bei den Piraten fühlst du Dich wohler.
    Du brauchst Dich nicht für Dein Leben zu rechtfertigen!

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