Wie lebt es sich denn überwacht?

„Hey, lass uns doch gemeinsam ein bisschen Geld sparen und dann in 2 oder 3 Jahren zusammen nach New York fliegen!“

Ich weiß, dass New York das Traumreiseziel meines Vaters ist. Aber es bedeutet eben wirklich lange sparen und er braucht jemanden, der Englisch kann. Und ich kann Englisch. Warum also eigentlich nicht.
Aber gleichzeitig ist da auch der Gedanke: Will ich wirklich in die USA reisen? Was ist, wenn ich an der Einreise gehindert werde, was ist, wenn die Behörden bei ihrer Überprüfung irgendwie auf mich aufmerksam werden? Immerhin bin ich Mitglied der Piratenpartei, immerhin habe ich im Internet wie auf der Straße gegen die Überwachungssysteme der USA demonstriert. Wieviel haben die davon mitbekommen? Würden sie das aus ihren ganzen gespeicherten Daten herausfiltern? Was, wenn ich dann eine der stundenlangen entwürdigenden Überprüfungen und Durchsuchungen, von denen wir diesen Sommer gelesen haben, ertragen müsste, wenn ich versuchen würde einzureisen? Allein der Gedanke macht Angst.

Wir werden überwacht. Umfassend. Das wissen wir seit diesem Sommer.

Darüber nachzudenken macht Angst. Also mir zumindest. Also klar, wir Piraten hatten vorher die Ahnung, dass Überwachung geschieht.
Ich komme mir ein bisschen vor, als wären wir mit den ersten Enthüllungen von Edward Snowden in ein Spinnennetz gerannt, von dem wir vorher wussten, dass es da ist, das wir nur nicht sehen konnten. Und jetzt zappeln wir. Und mit jeder weiteren Information sehen wir, dass wir eigentlich schon eingesponnen sind. Dass es schwer wird, da wieder rauszukommen.

Und dennoch ist es schwer mit dem Thema Überwachung nach außen zu dringen. Es löst kaum Empörung aus.

„Nimm dich nicht so wichtig, wer bist du schon? Du bist doch kein medienwirksamer Aktivist, den man verfolgen müsste!“

Nee ich nehm mich nicht wichtig. Und ich seh mich auch nicht als Staatsfeind Nummer 1. Ich hab mal Text zu einem Video geschrieben, was ein paar Zehntausend Mal angesehen wurde und ich hab mal nen Blogpost mit der Aufforderung gegen Überwachung zzu kämpfen geschrieben, der ein paar hundertmal gelesen wurde. Ein dicker Fisch des Internetaktivismus sieht wahrscheinlich anders aus. Aber Das Ergebnis der Überwachung ist diese Schere im Kopf. Was, wenn ich doch in irgendein Raste geraten bin? Welche Daten haben sie über mich? Was sind die Konsequenzen?
Ich kann mich nicht davon frei machen.

Vielleicht kommt das Thema Überwachung deswegen nicht an. Ich habe das schon oft gehört. „Die meinen doch nicht mich!“, „Ich mach doch nichts verbotenes, die können mich ruhig überwachen!“
Es scheint vielen Menschen nicht bewusst zu sein, dass sie überwacht werden. Und es scheint ihnen nicht möglich zu sein sich vorzustellen, welche Konsequenzen Überwachung haben kann.

Ich kann das leider schon. Deshalb habe ich ja das unschöne Gefühl im Magen und die Schere im Kopf.
Ein halbes Jahr nach den Enthüllungen gibt es keine Ansätze durch die Regierung wie man die flächendeckende Überwachung durch (ausländische) Geheimdienste unterbinden will. Stettdessen ist die Regierungsbildung im dritten Monat- Ich fühle mich da hilflos und im Stich gelassen.
Eine überwachte Gesellschaft kann nicht frei sein, ein überwachter Staat nicht demokratisch.
Diese Erkenntnis ist nicht neu und wiegt trotzdem schwer.

„Du überwachst dich selbst, weil du überwacht wirst!“

Ein Satz aus dem Video „Überwachungsstaat für Dummies“ für das ich den Text geschrieben habe, ganz am Anfang, kurz nach den ersten Snowden Enthüllungen. Leider erweist er sich als nur zu wahr.
Bleibt nur eins: Weiter kämpfen, nicht resignieren und sich nicht die Gedanken diktieren lassen.

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Eine Antwort zu Wie lebt es sich denn überwacht?

  1. Bo schreibt:

    Also ich weiß von Menschen, die weit weniger im Netz aktiv sind als du es bist und dennoch massive Probleme hatten. Ich weiß nicht, ob sich der eine oder andere Beamte da einfach Mal ausleben muss, aber das passiert ja durchaus öfter, als man denkt.

    Habe erst neulich von einem Musiker gelesen, der dann doch nicht einreisen durfte, weil er gerne auf Reisen ging und „zu viele Stempel“ gesammelt hatte.

    Zu wenig Reisen ist bestimmt auch verdächtig. „Was? Die erste große Reise und dann direkt in die USA? Haben sie Muslime in der Familie?“.

    Aber wer denkt schon an Reisen in die USA, wenn wir vor eigenen Haustüren noch so viel zu erledigen haben. Bisher haben wir doch nichts erreicht. Einige Lippenbekenntnisse und angebliche Datenschutzbeauftragte, die letztendlich aber sowieso wieder nur ausgebremst oder gezielt ausgewählt werden. Aufgabe übernehmen: JA! Tätig werden und Erfolge erzielen: NEIN!

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