Ein Jahr

Dies ist ein Blogpost über Enttäuschung. Vorallem. Ich erzähls euch, um auch einfach diesen Gedanken mal loszuwerden, der mich seit einem Jahr umtreibt.

Nächste Woche ist es ein Jahr her, dass ich zuletzt meinen früheren Freundeskreis sah.

Seitdem: Funkstille, nicht mal ein Geburtstagsgruß, nichts. Obwohl wir mal beste Freunde waren.

Nun der Grund ist ziemlich einfach. Wir waren mal zusammen in einer christlichen Gemeinde [1], die zwar evangelikal aber noch relativ locker war. Nun bin ich in keiner Gemeinde mehr und sie haben in eine sehr konservative Gemeinde gewechselt. Das ganze nennt sich Brüdergemeinde. Diese Gemeinden nehmen die Bibel wörtlich, zum Beispiel hat die Frau dort eine untergeordnete Rolle, ist die ‚Gefährtin‘ des Mannes. Ergo darf sie nicht predigen, sie ist für ‚das Haus‘ der Familie verantwortlich, für die Kindererziehung. Arbeiten gehen? Nun, eigentlich nicht wünschenswert für eine Frau.

Aber natürlich zieht sich das auch durch das ganze Moral- und Sündenverständnis.

Sex vor der Ehe? Lieber nicht!

Wechselnde (Geschlechts-)Partner? Geht garnicht.

Homosexualität? Sünde!

Geschlechterrollen in Frage stellen? Auf so einen Gedanken kann einen nur der Satan bringen.

Nun ja, wer sich ein paar Artikel aus meinem Blog durchliest, wird vermuten können, dass das alles ein klein wenig mit meiner Denkweise kollidiert. Ich wurde ja schon in der Gemeinde vorher kritisch beäugt. Ich war immer die Frau die mitreden will und mitentscheiden will, die gefälligst einem Mann gleichgestellt werden will. Geschlechterunterschiede hab ich einfach nie wirklich gesehen, zumal ich so nicht erzogen wurde.

Und nun ja, seit ich in keiner Gemeinde mehr bin und unter Piraten weile hab ich auch mit einigen Moralvorstellungen gebrochen.

Dass die Freundschaft zu mir über Jahre sehr wichtigen Menschen darüber kaputt gegangen ist, das macht mich schon traurig.

Natürlich, wer meinen Lebensstil nicht akzeptieren kann, der ist kein richtiger Freund. Aber dass ich nach einem Knall letztes Jahr nie wieder was von ihnen hören würde, das hätte ich so nicht erwartet.

Der Druck in solchen konservativen Gemeinden ist vielleicht zu groß.

Zu Erklärung: Diese Gemeinden gehören nicht der evangelischen oder katholischen Amtskirche an, sie sind freie Gemeinschaften, allenfalls in Verbänden organisiert.

Anders als in den heutigen evangelischen oder katholischen Amtskirchen, bei denen der Druck eher institutionell ist, ist der Druck dort direkt und psychisch. Wer sich nicht unterordnet, der ist eben vom Satan beeinflusst.

Der Gruppendruck ist groß.

Und ich habe an ihn meine Freunde verloren. Schade.

PS: Ich hab diese Sache mit Gott mal bewusst beiseite gelassen. An den soll jeder glauben oder es lassen. Mit ihm hab ich auch kein Problem, sondern mit seinem Bodenpersonal.

[1] http://fraumaja.tk/ich-war-ein-jesus-freak/

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11 Antworten zu Ein Jahr

  1. @KhainsHand schreibt:

    hm.. Maja, was soll man dazu noch sagen? Imho kennen diese Personen keine „richtige“ Freundschaft mehr. Totale, realitätsferne Verblendung.. Und damit meine ich nicht deren „Glauben“ als solchen, sondern eher deren krude Auslegung des Glaubens und die faschistoide Bewertung von $Dingen

  2. @KhainsHand schreibt:

    „Es war halt mal anders..“
    Ja Maja, Du warst evtl nicht anders als diese Menschen? Diese selbst gewählte Isolation „nur aufrechte Christen“ bla bla und die Angst „nicht erlöst“ zu werden haben wie jede andere Sekte (im Sinne von religiöser Splittergruppe) fatale Auswirkungen auf das „private“ soziale Umfeld.

    Warst du zu aktiven Zeiten wirklich „anders“?

    • Maja schreibt:

      1. Ja klar war ich damals anders. Siehe dazu meine Fußnote.
      2. Wir haben uns in zwei verschiedene Richtungen entwickelt.
      Ich hin zu weniger Dogmen und so weiter, sie halt in eine noch konservativere Richtung.
      Dass das irgendwann kollidiert ist klar.
      Ich konnte schon früher nichts mit diesen Gemeinden anfangen, die Frauen den Mund verbieten. Als meine Freunde dann in eine solche Gemeinde gewechselt sind… ist halt schwierig.

      • @KhainsHand schreibt:

        Da liegt die Gefahr.. Psychisch labilere Menschen die nicht so eine Vollzeitbeschäftigten wie LaVo nachgehen stehen plötzlich alleine da. Oft mit der sozialen Kompetenz eines Stuhls, nicht in der Lage in der „freien“ Welt umher zu hüpfen.
        Was passiert mit diesen Leuten? So kommen zurück in den Schoß der „Sekte“. Diese Gruppen sind gefährlich, auch wenn zu 90%+ die böse Absicht fehlt.

  3. Bernd schreibt:

    Tja, hier gibt es 2 Ebenen. Freundschaft hat nicht primär mit der Einstellung zu diesem und jenem zu tun, sondern mit persönlicher Zuneigung, gegenseitigem Respekt, Loyalität in persönlichen Angelegenheiten und der Akzeotanz auch unterschiedlicher Meinungen („we agree to disagree“).

    Wer Freundschaften immer nur unter Gleichgesinnten glaubt finden und pflegen zu können, hat social media-Freundschaften mit dem RL verwechelt.

    Social-media-Freundschaften bedeutet gleiche INTERESSEN.

    Wahre Freundschaft bedeutet stabile emotionale BINDUNG, diese hält auch unterschiedliche Interessen und/oder Überzeugungen aus, (ein) gleiche(s) Interesse(n) können in der Startphase u.U. helfen, quasi als „Türöffner“.

    Das ist auch der Grund, warum man die Zahl von social-media-Freundschaften nicht begrenzt (es können 100 oder 1.000 sein), die Zahl der wahren Freundschaften (diese müssen gepflegt werden) aber auf maximal einige Dutzend beschränkt sein muss.

    Ein Hauptproblem bei den Piraten ist, dass diese beiden Ebenen, die kaum Berührungspunkte haben, miteinander völlig vermischt werden. Das führt zu extrem viel Frustration, und macht die Leute auf Dauer völlig fertig.

    Freundschaften zerbrechen dann daran, dass man in einem Punkt gegensätzlicher Auffassung ist. Die Toleranz, die Bedingung ist, um Freundschaften zu erhalten, tritt völlig in den Hintergrund oder wird durch „Tabus“ versucht zu ersetzen („reden wir einfach nicht mehr drüber“). Damit bekommt das alles immer mehr Sollbruchstellen, bis es dann knallt.

    Kennt man auch aus Liebesbeziehungen.

    • Maja schreibt:

      Ich bin mir nicht sicher, wie der Bezug auf die Piraten jetzt da rein passt, weil das ganze nicht wirklich was damit zu tun hat. Meine Ansichten haben sich durch die Piraten vielleicht geändert. Aber ich seh es bei Piraten eigentlich tatsächlich so: Ich muss nicht mit jedem befreundet sein oder in der Meinung übereinstimmen. Aber ich kann trotzdem professionell mit ihm zusammenarbeiten. Das ist aber was völlig anderes als Freundschaft.

      • Bernd schreibt:

        Piraten fiel mir nur so ein, da das Problem dort auffällig oft zu beobachten ist, aber das gibt es naturgemäß in allen Vereinigungen, wie z.B. Kirche, Vereine, Interessengruppen/BI’s usw..

        Mein Plädoyer ist, das Ganze, wie Du es sagst, zu entkoppeln, also unterschiedliche, auch gegensätzliche Auffassungen in Freundschaften zu akzeptieren, und aus diesen zu lernen. Für die eine von euch ist eine Frau, die sich einem fundamental-christlichen Weltbild unterordnet, glücklich (Deine Freundin), Du selber bist glücklich mit einer ganz anderen Selbstdefinition als Frau. Wenn es beiden gelingt, das jeweils andere Herangehen an die Sache für den jeweils anderen zu akzeptieren, ohne daraus ein Dogma zu machen, können beide ihren Horizont erweitern ohne das eigene Handeln einschränken zu müssen. Freundschaften können so von Gegensätzen auch profitieren.
        Sind die Gegensätze groß, wird es schwieriger, aber auch spannender und bekommt etwas Besonderes. Bspl. Freundschaft zwischen Israelis und Palestinensern – selten, aber wenn vorhanden, sehr horizonterweiternd für beide.

  4. Alex schreibt:

    Ich weiß sehr genau wie sich das anfühlt (eigene leidvolle Erfahrungen, auch aus dem christlichen Bereich) und muss auf der einen Seite sagen, das ich sehr froh bin Dich kennen gelernt zu haben.

    Schön, dass es Dich gibt 🙂

  5. Angelika Brandner schreibt:

    Liebe Maja,

    ein Thema, das auch mich – persönlich – bewegt.

    Sehe Ähnlichkeiten zwischen der christlichen Bubble und der Piraten-Bubble.

    Würde mich gerne mit Dir über meinen Artikel auf http://aenderungfunkt.wordpress.com/2014/03/16/jetzt-gilt-es-organisationsentwicklung-in-der-piratenpartei/ austauschen.

    🙂

    Angelika

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