Mission unter falscher Flagge. Ein Blogpost, der von einer ARD Doku inspiriert wurde.

In der ARD lief vor eingen Wochen eine Reportage über evangelikale Christen und deren Methoden. https://www.youtube.com/watch?v=95ESpJn4Szs&feature=share

In der Twittertimeline wo er geteilt wurde, fand man die dort gezeigten Dinge sehr bedenklich, einige Christen, die ich bei Facebook in der Timeline habe, fanden die Doku garnicht so lustig.
Da ich ja beide Seiten kenne, mal ein paar Worte darüber, welche Erfahrungen ich in diese Richtung gemacht habe.

Zunächst einmal muss man wohl erklären was ‚evangelikal‘ überhaupt bedeutet. In der Selbstbezeichnung evangelikaler Christen bedeutet es, dass das, was im neuen Testament der Bibel steht, wirklich wahr ist. Also dass Jesus tatsächlich von einer Jungfrau geboren wurde, dass er Wunder vollbracht hat und von den Toten auferstanden ist, dass er dann Himmelfahrt in den Himmel auffuhr und an Pfingsten der Heilige Geist auf die Erde und in die Jünger fuhr.

Dies steht für sie im Gegensatz zu vielen Lehren in den institutionalisierten Kirchen, wo das ganze oft nur noch als Metapher und eher philosophisch gesehen wird. Wobei es auch in den evangelischen und katholischen Kirchen nach dieser Definition evangelikale Christen gibt.

Allerdings als evangelikal wird man in Deutschland vor allem die Gemeindelandschaft außerhalb der Amtskirchen sehen. Aber auch dort gibt es große Unterschiede in der theologischen Ausrichtung.

Bitte seht mir nach, wenn ich das Ganze nicht aus der Sicht eines Atheisten schreibe sondern aus der Sicht von jemanden, der einige Jahre in Gemeinden des evangelikalen Sektors unterwegs war und das ganze nun mit einigen Jahren Abstand betrachtet.

Was die Doku als Evangelikal bezeichnet ist tatsächlich nur _eine_ Strömung des evangelikalen Spektrums und dort auch nur die allergrößten Extreme. Es handelt sich dabei um die sogenannte ‚charismatische‘ Richtung.  In dieser Richtung wird besonders viel Wert auf das Wirken des Heiligen Geistes gelegt und die sogenannten ‚Geistesgaben‘ die er den Menschen verleiht (>http://de.wikipedia.org/wiki/Gaben_des_Heiligen_Geistes).

In der Zeit in der ich in christlichen Gemeinden unterwegs war, habe ich mich am Rande dieser charismatischen Bewegung bewegt, hatte aber nie Kontakt zu so krassen Gemeinden wie sie in der Doku vorkamen und habe auch schon Dinge kritisiert, die weniger heftig waren, weil sie mit meiner Vorstellung vom christlichen Glauben nicht zu vereinen waren.

Allerdings habe ich einige der Mechanismen, die dort anklangen auch erlebt, aber, wie gesagt, nicht in so krasser Form. Ich war ja in der Jesus Freaks Bewegung unterwegs, eine relativ junge Bewegung in der sich viele junge, alternative Leute bewegen, wie sie gerne selbst von sich selbst sagen: Die Leute, die in andere Gemeinen nicht reinpassen würden.

Mir lag das, und ich denke auch gerne an den größten Teil dieser Zeit zurück. Ich bin letztendlich aber dort weggegangen, weil der charismatische Einfluss größer wurde und damit auch einige der Mechanismen, die in ihrer krassesten Form in der Dokumentation vorkamen.
Plötzlich ging es in Gottesdiensten darum möglichst ‚krasse Sachen‘ zu erleben, Geistesgaben zu erlangen, Flashs zu erleben, Dinge zu sehen, die übernatürlich waren.
Und plötzlich was das, was über diese Gaben und ihr Vorkommen in einem Gottesdienst in der Bibel steht – nämlich dass es beispielsweise geordnet ablaufen soll und nicht chaotisch – nicht mehr so wichtig. Unkontrollierte Psychoerlebnisse widersprachen da meiner Vorstellung doch sehr.

Ich hatte schon vorher hin und wieder in Gottesdiensten oder Gebetsveranstaltungen erlebt, dass Menschen unkontrolliert anfingen zu lachen oder zu weinen oder umkippten oder ähnliches. Jedoch war für mich damals die Grenze überschritten, als diese Dinge zum Dogma zu werden begannen. Also vom ‚kann passieren‘ zu einem ‚muss passieren, sonst bist du kein guter Christ‘ wurden.

Mir ist natürlich bewusst, dass sich solche Dinge für Menschen, die nicht an Gott glauben sehr seltsam anhören müssen. Mir sind diese Dinge heute auch sehr fremd. Damals jedoch lag meine Grenze eben zwischen dem ‚kann‘ und dem ‚muss‘.

Als plötzlich bei den Jesus Freaks ein bekannterer Prediger anfing von Dingen wie ‚Glory Dust‘ zu predigen, war für mich ein Punkt erreicht, den ich definitiv nicht mitgehen konnte. Aus mehreren Gründen.
Erklärung: Glory Dust ist ein angebliches Phänomen, dass vom heiligen Geist hervorgerufen sein soll. Konkret: Goldstaub, der sich während Gebetszeiten in Gottesdiensten angeblich übernatürlich materialisieren und aus der Luft regnen soll. Ja, das war dann für mich eindeutig zu seltsam und hat einfach nichts mit dem zu tun, was in der Bibel steht. (Ein Beispiel das im Internet kursiert… https://www.youtube.com/watch?v=lvJMPccZR2Y)
Also habe ich versucht mit Bibelstellen dagegen zu argumentieren. (Nochmal der Hinweis: Ich war ja damals durchaus der Ansicht, dass die übernatürlichen Dinge der Bibel real seien und Gott übernatürliche Dinge machen kann… jedoch eben nicht so völlig unbiblisches Zeug)

Das Ergebnis war, dass ich eben als Zweifler hingestellt wurde. Und das ist eben ein Totschlagargument. Wenn du nicht glaubst, dass solche Phänomene das Ergebnis göttlichen Wirkens sind, dann hast du ein Problem mit deinem Glauben. Dann bist du das Problem, denn du zweifelst. Das Problem ist niemals der, der völlig abwegiges Zeug erzählt.

Ein weiterer Punkt, warum ich damals die Gemeinde verließ – beides passierte aber parallel – war, dass es dort ein Gemeindemitglied gab, das in eine politisch rechte Ecke abgedriftet war, und nun auch anfing Gemeindemitglieder im Teeniealter zu beeinflussen.
Ich war auch damals schon ein politisch interessierter Mensch, regelmäßig auf Demos gegen Rechts und so weiter, und hatte damit natürlich ein erhebliches Problem.

Ein Credo in vielen dieser charismatisch-christlichen Gemeinden ist jedoch: Wir sind Königskinder, wir sind von Gott, wir haben nichts mit dieser Welt zu tun, wir leben nur in ihr. Ergo: Solche politischen Dinge passieren uns zwar, aber sie betreffen uns nicht. Wir stehen über den Dingen und haben damit nichts zu tun. Und überhaupt: Gott ist allmächtig also haben wir uns nicht in den Lauf der Welt einzumischen.

Naja, wenn ich jetzt jedoch auf einer Demo gegen Rechts bin und weiß, dass mir ein Gemeindemitglied auf der ‚anderen‘ Seite gegenüber steht, dann ist das für mich auch damals ein gehöriges Problem gewesen.

Ich habe jedoch von der Leitung meiner damaligen Gemeinde die Anweisung bekommen das Thema Politik und politische Ausrichtung von Gemeindemitgliedern in der Gemeinde nicht anzusprechen, denn Jesus liebt bekanntlich jeden Menschen.

Beide Entwicklungen parallel haben mich dann dazu bewogen die Gemeinde zu verlassen. Seitdem bin ich in keiner Gemeinde mehr und, wenn ich ehrlich bin, auch kein ‚aktiver‘ Christ mehr. Also soll heißen: Die Christuszentriertheit in meinem Leben ist nicht mehr wirklich vorhanden, auch wenn ich definitiv kein Atheist bin. Aber ich kann mir nicht vorstellen in eine charismatisch-christliche Gemeinde zu gehen, im Gegenteil, der Gedanke löst in mir eher Fluchtinstinkte aus.

Leider habe ich auch in Gemeinden, die ich über meine eigene hinaus besucht habe, oft Gruppendruck erlebt. Oft gibt es eine Gruppe oder Familie, die die ‚Oberschicht‘ darstellt und denen andere Mitglieder nachahmen. Und die soziale Kontrolle ist oft sehr krass, das habe ich ja auch schon mal in einem anderen Blogpost beschrieben. (http://fraumaja.tk/ich-war-ein-jesus-freak/)
Hinzu kommt, dass man grade in charismatischen Gemeinden oft Menschen antrifft, die ein erschreckend schlechtes Bibelwissen haben. Auch deshalb sind solche Auswüchse wie in der Dokumentation erst möglich. Die meisten Mitglieder hinterfragen nämlich nicht, was der Prediger auf der Bühne im Gottesdienst sagt und können nicht überprüfen, wie biblisch das Ganze ist. Und wenn es doch jemand hinterfragt, dann ist der hat ein Zweifler, siehe oben.

Ergo: Für mich ist ein harmloser Besuch in einer evangelischen Kirche, wo vielleicht eher nette Traditionen gepflegt werden aber keine Fundamentalisten am Werk sind, das höchste der Gefühle. Aber auch da gehe ich, zugegebener Weise, in den letzten Jahren allenfalls mal an Weihnachten hin.
Aber all diese übernatürlichen Dinge, die sind mir fremd geworden. Die verstehe ich heute nicht mehr, ich kann sie nicht mehr nachvollziehen. Aber vor allem sind diese Zwänge für mich nicht mehr erträglich.

Die Dokumentation zeigt zugegebener weise nur die aller krassesten Formen. Ich bin mit solchen Dingen nicht in Berührung gekommen, da war ich damals auch schon viel zu kritisch, als dass ich mich darauf eingelassen hätte. Auch dieses sehr komische Nazi-Wegbeten ist etwas, was ich noch nicht kannte und was keinesfalls irgendwie die Regel ist. Aber einige Mechanismen gibt es eben in abgeschwächter Form in vielen anderen Gemeinden auch.

Allerdings kann man die auch nicht alle über einen Kamm scheren. In der evangelischen Allianz sind beispielsweise eine Fülle verschiedener Gemeinden, die aber an sich autonom sind. Sie kriegen von der ev. Allianz keine Anweisungen oder theologischen Vorgaben oder so. Deshalb gibt es dort sehr gemäßigte Gemeinden aber auch eben diese krassen Auswüchse. Es ist aber eben mehr ein Netzwerk und keine Dachorganisation. Allerdings: Solche krassen Dinge werden offensichtlich geduldet, das sollte man auch nicht verharmlosen.

Ich habe in den verschiedenen Gemeinden, in denen ich im Laufe der Zeit zu Gast war, viele herzensgute Menschen kennengelernt. Aber eben auch viele seltsame Dinge.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Weltbilder veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s