Es ist nicht da, weil es nicht da sein darf…

Es ist nicht da was nicht sein darf?

Ich wohne schon mein ganzes Leben in meiner Kleinstadt. Viel los ist hier nicht. Und eigentlich ist das ja grundsätzlich auch ganz gut so.

Aber in den letzten Monaten fallen mir Dinge auf, die mich etwas nachdenklich machen.
Um Ostern herum gab es in der Stadt die Nachricht, dass Romafamilien in die Stadt gezogen sind. Diese Leute waren in Duisburg aus ihren Häusern geworfen worden und hatten hier in einer Siedlung eine neue Heimat gefunden.
Die Stadtverwaltung hat sich sich alle Mühe gegeben den neuen Einwohnern einen guten Start zu ermöglichen. Die Kinder wurden auf verschiedene Schulen verteilt und in einer eigentlich schon geschlossenen Grundschule wurden wieder Kinder unterrichtet um sie auf den Unterricht in regulären Schulen vorzubereiten.
Da muss ich die Stadtverwaltung auch einfach mal loben, weil sie sich Mühe gegeben haben.

Aber darüber hinaus passierten einige Dinge, bei denen mich so einige meiner Mitbürger entsetzt haben.
Nach dem ersten Bericht in der Zeitung darüber, dass Roma nach Ennepetaler in die Stadt gezogen seien, brach in der größten Facebook Gruppe meiner Kleinstadt ein Sturm los. Es gab die wildesten Mutmaßungen und Gerüchte über kriminelle Machenschaften der Roma. Menschen verstiegen sich dort in die wirklich schlimmsten Aussagen. Dass es jetzt bestimmt demnächst bettelnde Menschen auf dem Marktplatz geben würde, waren noch die harmlosesten.
Aber jemand wurde auch angezeigt und bekam, meinen Informationen nach, Post vom Staatsschutz, weil er sich zu Aussagen hatte hinreißen lassen, die Dinge enthielten wie ‚man könne ja mal mit Pflastersteinen bewaffnet in der Siedlung auftauchen‘ oder ‚den Leuten die Bude abfackeln‘. Aufrufe zur Gewalt also.

Die schlimmsten Aussagen hat damals jemand per Screenshots in einem Tumblr gesammelt. Dazu aber später.

Parallel dazu gab es noch einige Artikel in der Lokalpresse, bei denen ein bestimmter Reporter offenbar ungefiltert Gerüchte aus dieser Facebookgruppe übernahm und plötzlich in der Zeitung stand Roma würden sich auf einem Wanderweg hinter der Siedlung erleichtern und es würde aggressiv in der Stadt gebettelt. Beides Aussagen, die vorher fast wortwörtlich so in der Facebookgruppe gestanden hatten.

Ergebnis dieser Hetzereien und offenbar allgemeinen Verunsicherung war, dass die AfD bei den Kommunalwahlen im Mai in besagtem Stadtteil mit fast 10% das mit Abstand beste Ergebnis der Stadt eingefahren hat.

Im Juni habe ich Aufkleber mit rechtsextremen Inhalt in meiner Nachbarschaft gefunden. Das war nicht das erste Mal, schon 2013 habe ich in meinem Dorf Aufkleber von Kameradschaften gefunden und entfernt. Auch dieses Mal habe ich die Aufkleber natürlich von den Laternenpfählen und dem Kaugummiautomaten gekratzt.
Und seit Juni finde ich diese Aufkleber immer wieder. Und kratze sie natürlich immer wieder ab.
Allerdings tauchen diese Aufkleber immer wieder auf. Mal im Abstand von mehreren Wochen, momentan fast wöchentlich.
Vor einige Zeit habe ich am unserem Busbahnhof auch mal einen jungen Mann dabei erwischt, wie er diese Aufkleber an die Wände klebte. Direkt neben mir. Ich bin nicht sicher, ob er mich damit provozieren wollte, weil ich ihn vorher schon wegen seiner szenetypschen Kamotten skeptisch beäugt hatte oder ob er mich irgendwie kannte oder ob das einfach Zufall war. Ich bin aber sicher, dass er mich fotografiert hat, nachdem ich die Aufkleber direkt wieder abgerissen habe. Seis drum, das ist nur eine Episode, die mir sagt: Wir haben eine kleine rechte Szene in der Stadt. Das kann man auch relativ einfach bei Facebook nachvollziehen, denn kennste einen kannste die anderen auch leicht finden.

Interessant ist noch was passierte, als plötzlich Monate später, jemand in einem Forum in dem sich Politiker und Interessierte Bürger der Stadt austauschen, das oben angesprochene Tumblr postete.
Ich bin da nicht aktiv, weil mir da zuviel krudes Zeug gepostet wird, aber ich erhielt plötzlich eine aufgebrachte Mail von unserem Stadtratspiraten, weil man dort offenbar vermutete dieses Tumblr würde aus den Kreisen der Piraten, genauer gesagt von mir stammen. Ich kann zwar guten Gewissens sagen, dass es nicht von mir stammte, aber man konnte zu der Zeit leicht herausfinden, dass ich das mal auf Twitter geteilt hatte.
Das sei ja Rufschädigend für die Stadt, dass man hetzerische Aussagen ihrer Einwohner veröffentliche.
Es hätten sich entzürnte Bürger gemeldet und sogar der Bürgermeister. (Wobei ich für letzteres keine Belege habe. Bei mir persönlich hat er sich jedenfalls nicht gemeldet.)

Ich persönlich denke ja, dass die Aussagen der Bürger eher dem Ansehen der Stadt schaden als die Tatsache, dass sie jemand veröffentlicht hat.
Aber das wäre ja zu einfach.
Stattdessen wurde mir auch schon mal Sachbeschädigung vorgeworfen, weil ich Aufkleber entferne und überhaupt. Die Rechten kommen doch alle nur aus den Nachbarstädten.

Es darf nicht sein, was nicht sein soll.

Was ich damit sagen will: Nein, meine Stadt ist keine rechte Hochburg. Bei weitem nicht.
Und dennoch bin ich der Meinung, dass es nicht totgeschwiegen werden sollte, wenn Menschen aus meiner Stadt zu Gewalt aufrufen, wenn Journalisten ungefiltert Vorurteile weitergeben, wenn rechtsextreme Propaganda im Straßenbild auftaucht.
Ich möchte dafür werben den Menschen, die solche Vorurteile verbreiten, zu widersprechen. Dafür werben Aufkleber mit rechtsextremen Inhalt von Straßenlaternen und co zu entfernen. Dafür werben die Augen offen zu halten. Dafür werben, dass jeder hinsieht, wenn es Vorurteile gibt und hilft sie abzubauen.

Und ich möchte auch dafür werben, dass die Stadt ihre Bürger vernünftig informiert und nicht extreme Meinungen bestreitet und ignoriert. Das ist ihre Aufgabe!
Noch sind die Probleme nicht so groß, dass die Kontrolle völlig verloren geht.

Ich habe die Vermutung, dass das nicht nur in meiner Stadt so läuft. Aber totschweigen ist keine Lösung. Dialog ist wichtig. Information ist wichtig. So kann man verhindern, dass sich Vorurteile ihren Weg in die Köpfe bahnen.

Meine liebe Heimatstadt, könntest du damit anfangen? Engagement gegen Vorurteile und Fremdenfendlichkeit geht schließlich jeden an. Jeden einzelnen.

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