Ein unvergessliches Wochenende. #trainofhope

Disclaimer: Verzeiht, wenn ihr Fehler und unlogische Sätze findet oder irgendwas wirr klingt. Ich schreibe das hier völlig übermüdet auf, damit ich es nicht vergesse.

Kennt ihr das Gefühl etwas hautnah miterlebt zu haben, das von Bedeutung ist? Das etwas verändert hat?
Bis zu diesem Wochenende hätte ich geantwortet: Nicht wirklich.
Und dann kam dieses Wochenende.

Schon die Woche über hatte ich gelesen und mitverfolgt, wie freiwillige Helfer vorallem an den Bahnhöfen in Wien und München einen unfassbar tollen Job machten, als Flüchtende aus Richtung Ungarn dort ankamen.

Freitag hörten wir vom #marchofhope, als Flüchtende die Grenze zwischen Ungarn und Österreich zu Fuß erreichen wollten. Weil Ungarn sie nicht weiterreisen lassen wollte und sie stattdessen in Flüchtlingslager bringen wollte, wo unmenschliche Bedingungen herrschen.
Ich höre mich noch zu meinem Arbeitskollegen sagen: „Wenn sie die Grenze nicht überqueren dürfen, gibt das eine Katastrophe.“ Also eine größere Katastrophe als die humanitäre, die es eh schon war, mit Menschen, die seit Tagen unter schlimmsten Bedingungen am Budapester Bahnhof campierten. Mit Kindern, die dort auf dem Boden schliefen.
Nie hätte ich gedacht dass ich Sonntags in Dortmund am Bahnhof stehe und an einige der gleichen Kinder Überraschungseier verteile.
Der Freitagabend ging also mit dem bangen Gedanken zu Ende, dass nichts schlimmes passieren möge, dort unten, in Ungarn.

Als ich dann mitten in der Nacht wach wurde und auf mein Twitter schaute, las ich dort, dass Deutschland und Österreich die Einreise der Flüchtenden erlaubt haben und dass viele mit Bussen zur Grenze nach Österreich gebracht werden.

Samstag war ich dann auf einer Demo gegen Rechts in Wuppertal, wurde vollgeregnet und wollte schon nur noch in mein warmes Bett kriechen, als dann Abends die Nachricht kam: Etwa 1000 Flüchtende werden irgendwann, vermutlich in der kommenden Nacht, in Dortmund ankommen.

Und damit begann etwas, das wohl zu einem der beeindruckendsten Dinge zählt, die ich je in meinem Leben erlebt habe.

Auf Twitter begannen Menschen auf der Stelle sich zu vernetzen, abzusprechen, zu überlegen was alles benötigt werde, wenn diese Flüchtenden in Dortmund ankämen. Ganz kurze Zeit später gab es einen eigenen Twitteraccount, einen eigenen Hashtag und im ganzen Ruhrgebiet Menschen, die sich auf den Weg machten entweder noch schnell vor Ladenschluss um 22 Uhr die Supermärkte zu stürmen oder danach noch auf anderen Wegen Lebensmittel, Wasser und alles zu organisieren, womit man Menschen, die nur noch das haben, was sie tragen können, verpflegen kann.
Mein Freund und ich beschlossen uns nach dem anstrengenden Tag noch ein bisschen hinzulegen und dann um 1 auch nach Dortmund zu fahren um zu schauen, wo wir helfen könnten.

Als wir dort ankamen, hatten sich dort schon hunderte Helfer eingefunden. Menschen, die ohne dass es eine zentrale Organisation gegeben hätte, zum Dortmunder Bahnhof gekommen waren, sie hatten es geschafft trotz Ladenschluss genug Spenden, hauptsächlich Lebensmittel und Wasser, herbei zu schaffen, dass hunderte Essenspakete gepackt wurden konnten. Beeindruckend, einfach nur beeindruckend.
Und die Helfer waren Menschen jeden Alters. Jeder Ausrichtung. Vom Antifa bis zum Pfadfinder. Immer mehr Menschen mit Paketen kamen an.

Mittlerweile war organisiert worden, dass die Geflüchteten, die von Dortmund aus auf Unterkünfte im Umland verteilt werden sollten, im Dietrich-Keuning-Haus um die Ecke versorgt werden sollten. Ergo wurden mit Hilfe der Feuerwehr und Menschenketten, alle Spenden dorthin geschafft.

Alles zusammen, im Schwarm, ohne irgendeine besonderte Organisation von oben, packten alle mit an.

Zwischendurch musste ich leider noch einen Reporter von der Bildzeitung anschreien. Er hatte versucht sich dort mit einem Mikro vor dem Gesicht für ‚BILD TV‘ großzutun und ging nach einer Störung einen jungen Antifa aggressiv an, und wollte uns dann weis machen, dass die BILD mit ihrer ‚Ich helfe‘ Aktion zum Blatt für Menschenfreunde mutiert ist und ohne BILD das dort eigentlich alles nicht möglich gewesen wäre. Das. Aus der Mund eines BILD Menschen. Der BILD, die weit Jahr und Tag Ressentiments gegen Geflüchtete schürt. Ich fürchte ich bin etwas laut und ausfallend geworden.
Aber die Menschen dort haben sich auch nicht vereinnahmen lassen. Und das ist gut so.

Die überwältigende Hilfe ist ohne die BILD entstanden und ohne sonstige Organisationen. Abgesehen von der Feuerwehr und dem Roten Kreuz, die vor Ort waren und tolle Arbeit leisteten.

Dortmund. Leider ist das auch sie Stadt mit den Nazis. Und auch diese wollten gerne provozieren und meldeten eine Versammlung gegenüber des Dortmunder Bahnhof an. Die hielten sie dann auch ab. Im Dunkeln. Abgeschirmt von der Polizei. Brenzlich wurde es nur, als die Polizei auf die wahrlich bescheuerte Idee kam, man müsse diese 20 Gestalten über den Dortmunder Hauptbahnhof abreisen lassen, anstatt sie nach Dorstfeld laufen zu lassen. Und nicht nur das, anstatt sie über eine Nebentreppe aufs Gleis zur S-Bahn zu geleiten, was problemlos möglich gewesen wäre, sollte dies durch die Bahnhofshalle passieren. Wo doch innerhalb des Bahnhofs hunderte Unterstützer der Refugees unterwegs waren. Die Situation eskalierte natürlich bis die Nazis wieder aus dem Bahnhof heraus und doch durch die Nebentreppe zum Gleis geführt wurden.

Aber das wunderbare an dieser Nacht: Kaum, dass die brenzliche Situation beseitigt und die Nazis weg waren, war vor dem Bahnhof schon wieder Partystimmung, eine kurdische Trommeltruppe sorgte für Stimmung, Menschen tanzten auf dem Bahnhofsvorplatz.

Mittlerweile war es 4 Uhr in der Nacht und der Zug mit den Geflüchteten war für frühestens 7 Uhr angekündigt.
Die Kräfte von meinem Freund und mir waren mittlerweile aufgebraucht und wir entschlossen uns heim zu fahren. Wir wussten, dass genug Supporter vor Ort sein würden.

Der erste Zug kam dann erst um kurz vor 9 Uhr Morgens in Dortmund an, grade als ich nach 3 Stunden Schlaf daheim wieder erwacht war.

Wir beschlossen doch nochmal nach Dortmund zu fahren, auch wenn wir gehört hatten, dass Helfer und Spenden in ausreichender Zahl vorhanden waren. Und dennoch. Nach den Erlebnissen der letzten Nacht, wollten wir zumindest nochmal vorbei schauen.

Und so fand ich mich also wieder wie ich Überraschungseier an die Kinder verteilte, die unter den Menschen waren, welche in Bussen auf andere Unterkünfte verteilt wurden. Kinder, die mehr hinter sich haben, als ich mir vorstellen kann. Kinder, die die lange Reise aus ihren Heimatländern mitgemacht haben. Die am Budapester Bahnhof auf dem Boden schlafen mussten. Kinder, die aber eben doch Kinder sind. Die stolz gespendete Stofftiere in den Händen hielten und die sich über die Geschenke freuten.
Ich werde mich wohl lange an die kleinen Jungs erinnern, für die es dann das wichtigste auf der Welt zu sein schien, als der eine dem anderen die geschenkten Bonbons mopste. Wie Kinder eben sind.

Während wir dort standen, kamen auch immer wieder Menschen vorbei, die Spenden brachten, obwohl schon genug da war. Und Menschen, die ihren Kindern erklärten, was es mit den Menschen, die dort in die Busse stiegen, und die so unendlich müde aber glücklich aussahen, auf sich hat.

Zwischendurch kamen auch immer noch Geflüchtete vom Bahnhof her an. Familien mit kleinen Kindern. Ein Vater, der völlig erschöpft, seine schlafende Tochter auf dem Rücken trug. Menschen, deren Geschichte ich nicht kenne, aber hoffe, dass sie sich nun sicher fühlen können.

Ich bin dann wieder gefahren.
Zurück geblieben sind viele, viele Helfer, die dort noch auf weitere ankommende Züge warten und Menschen Willkommen heißen und verpflegen.

Das grandiose an dieser Dortmunder Geschichte ist, dass sich diese auch in anderen Städten ereignet hat. In Frankfurt. In Hamburg. In Saalfeld. Schon seit Tagen in Wien und München.

Menschen, die sich größtenteils über das Internet vernetzen. Menschen, die einfach kommen um zu helfen. Die aus dem Nichts riesige Berge an Spenden zusammenbringen. Die sich solidarisch organisieren, ohne dass irgendwer ihnen sagt, was sie tun müssen.

Ich habe das Gefühl von etwas Zeuge geworden zu sein, das etwas in unserem Land verändert hat. Dass das Beste in unserer Gesellschaft hervorgebracht hat.
Die letzte Nacht war wohl eine der beeindruckendsten in meinem Leben.

Nun werden wir die Geflüchteten in unserer Gesellschaft aufnehmen. Das wird uns bei vielen Menschen sicherlich viel Überzeugungsarbeit kosten. Aber ich habe ziemlich viel Hoffnung geschöpft an diesem Wochenende und werde mich noch lange daran erinnern.

Die Politik mag immer noch versagen und sich winden. Die Menschen haben nicht versagt. Die haben einfach geholfen.

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2 Antworten zu Ein unvergessliches Wochenende. #trainofhope

  1. Ina schreibt:

    Danke für diesen tollen Bericht!
    Du hast die Stimmung und Gefühlem gut rüber gebracht.
    Ich wünsche mir auch bei so einer Aktion dabei sein zu können. Leider war bisher alles zu weit weg.
    Aber vielleicht klappt es ja in meinem Urlaub.
    Und Dankeschön dafür, dass auch du zeigst, dass Deutschland auch anders kann!

    Liebe Grüße
    Ina

  2. annie schreibt:

    Hi Maja, danke Dir für diesen schönen Bericht. Auch ich bin momentan begeistert wie selbstlos und schön momentan die Hilfe funktioniert. Ich hoffe nur, das wir nicht die gleiche Fehler der Vergangenheit machen und die Integration verschlafen.

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